Der älteste Sonnenschutz der Welt – die Markise

„Überall sollen die gelblichen, roten und blauen Sonnensegel – befestigt an Masten und Sparren – die Bühne und den Zuschauerraum mit gefärbtem Licht durchflutet haben, das durch das Auftreffen des Sonnenlichts
auf den Stoff entstand (Lucr. 4, 73–83).“

Die Markise - Ältester Sonnenschutz der Welt

So beschreibt bereits der römische Dichter Lucrez im 1. Jahrhundert v. Chr. die visuelle Wirkung von farbigen Sonnensegeln – oder eben Markisen -, die in Theatern aufgestellt worden waren, um den Zuschauern
Schutz vor dem sengenden Sonnenlicht zu gewähren. Damit sind gleich zwei Dinge schon vor über 2000 Jahren genauso wichtig wie heute: Der Sonnenschutz einer Markise per se und ihr Design.
In unserer heutigen Zeit existieren von einer Markise viele verschiedene Formen – von den klassischen Gelenkarmmarkisen
über die Kassettenmarkisen bis hin zu der hochmodernen
Senkrechtmarkise. Doch woher kam sie eigentlich, die Markise, und woher stammt ihre Bezeichnung?

Gelenkarmmarkisen, Kassettenmarkisen und Senkrechtmarkisen

Wie eingangs schon erwähnt, waren der antiken römischen Gesellschaft sogenannte vela – riesige Sonnensegel – als Art der Markisen in Theatern, aber auch für Tempel und Foren, allgemein bekannt und wurde
darüber hinaus auch in der Form eines Herrschaftssymbols von den römischen Kaisern verwendet. Denn wer ist mächtiger als der, der die Sonne mit riesigen Segeln bedecken kann? (Lesen Sie auch
Sonnenschutz im antiken Rom„). Doch der Ursprung der Markise ist weitaus älter. So gibt es bereits Berichte, dass
im Alten Ägypten und in den vorderasiatischen Reichen der Assyrer und Babylonier des 2. und 1. vorchristlichen Jahrtausends große bemalte Stofftücher vor der Sonne schützen sollten. Auch im klassischen
Griechenland des 5.-4. Jahrhunderts waren mit dem Terminus (παραπέτασμα – parapétasma) Tuchvorhänge und große Stoffe in Verwendung, die gleich Sonnensegeln oder eben Markisen, für private Wohnungen genutzt
oder vor Tempeln aufgestellt wurden.
Doch mit dem Übergang zum Mittelalter geriet diese antike Form der Markise zunehmend in Vergessenheit – ein Hauptgrund war sicherlich, dass Sonnensegel in ihrer bisherigen Verwendung nicht mehr benötigt wurden.
Denn im Jahr 380 wurde durch das Edikt Cunctos Populos des Kaisers Theodosius I. das Christentum als Staatsreligion etabliert. Infolgedessen wurden die „heidnischen“ öffentlichen Spiele, insbesondere
die Gladiatorenkämpfe (munera genannt), bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. sukzessive abgeschafft und verdrängt. Der Hauptzweck der antiken Markisen verschwand damit. Erst im 18. Jahrhundert in Frankreich kamen
Markisen aus Holz und Stoff, hier jedoch für Fenster, wieder in Mode und verbreiteten sich in den folgenden Jahrhunderten auf der ganzen Welt.

Ältester Sonnenschutz der Welt - Die Markise

Doch vorher stammt nun der Name „Markise„? Der etymologische Ursprung dieses Wortes geht auf die französische Form für Marktgräfin – marquise – zurück. Seit dem
frühen 18. Jahrhundert ist damit aber auch in der Soldaten- und Seemannssprache ein „Überzelt“ oder „zusätzliches Zeltdach“ gemeint. Möglicherweise spielt diese Bezeichnung auf das, im
Vergleich zu dem der einfachen Soldaten, opulent ausgestattetes Zelt des Offiziers an und verspottet diesen dadurch, dass er so komfortabel wie eine Marktgräfin lebe. In der Bedeutung als „Zeltdach“
gelangte das Wort schließlich in den allgemeinen Sprachgebrauch. Ein Beweis dafür ist die bis Mitte des 19. Jahrhunderts übliche Schreibweise marquise. Schließlich wandelte sich die Semantik
und aus dem Zeltdach wurde ein „Sonnendach vor Tür oder Fenster“.

Weiterführende Literatur:

Chapot, Victor, Le Dictionnaire des Antiquités Grecques et Romaines Bd. 5: T-Z, hg. von Charles Daremberg und Edmond Saglio, Graz 1969 (ND), 671-677, s.v. velum.

Wolfang Pfeifer et al. (Hgg.), Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache,
s.v. »Markise« (https://www.dwds.de/wb/Markise) abgerufen am 02.02.2023

Navarre, O., Le Dictionnaire des Antiquités Grecques et Romaines Bd. 5: T-Z, hg. von Charles Daremberg und Edmond Saglio, Graz 1969 (ND), 677-680, s.v. velum et velarium.


Und wer Lucrez selbst lesen möchte:

Lucr. = Titus Lucretius Carus, De rerum natura (Bibliotheca scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana), hg. von Josef Martin, Stuttgart 51992.

Christopher Decker M.A.
(Doktorand der Alten Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München)

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