Aus der modernen Wohnarchitektur und aus unserem Alltag sind sie kaum mehr wegzudenken: Fenster. Sie bringen Frischluft und Tageslicht in den Raum; Sonnenschutzsysteme wie Plissees oder Rollos sind fast schon standardmäßig an ihnen montiert. Doch welche Geschichte verbirgt sich eigentlich hinter diesen Wohnelementen, die einen festen Bestandteil unserer Lebenswelt darstellen?
Was heißt Fenestra?
Der Begriff „Fenster“ leitet sich zunächst vom lateinischen Wort fenestra ab, was „Öffnung“ oder „Luke in einer Wand oder Mauer“ bedeutet. Vom Lateinischen wurde der Begriff in das Althochdeutsche übernommen, wo es um 1000 als Fenstar oder finistra nachgewiesen ist.
In der folgenden Sprachgeschichte des Deutschen gleichten sich Bedeutung und Schreibweise immer mehr dem heutigen Gebrauch an. So ist im Mittelhochdeutschen (um 1200) das Wort Venster belegt, was „Lichtluke“, „Fensteröffnung“ oder eben einfach „Fenster(nische)“ meint. Ab dem 16./17. Jahrhundert ist dann das heutige Fenster mitsamt seiner heutigen Bedeutung geläufig.
Fenster im heutigen Sinne waren in den vorchristlichen Jahrtausenden in den Hochkulturen des Alten Orients und Ägypten kaum bekannt. Generell wurden vielmehr Lichtschlitze in der Wohnbebauung genutzt. In sakralen Großbauten sind auch eine Art ‚Gitterfenster‘ nachweisbar, wie am Tempel des Amun Re im ägyptischen Karnak aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. (Abbildung 1) zu erkennen. Doch in der Regel wurden Großbauten wie Tempel nur durch den Eingang mit Licht versorgt, wie auch im antiken Griechenland.
Was gab es vor Fenstern?
In den vorchristlichen Jahrtausenden, also in Zeiten des alten Orients wurden noch keine Fenster in der Architektur der Häuser benutzt. Stattdessen wurden Lichtschlitze oder auch Gitterfenster nachweisbar eingesetzt. Wenn nicht, sorgte lediglich der Eingang dafür, dass Licht in das Innere gelangte.
Im Imperium Romanum finden sich dann um die Zeitenwende nachweislich Fenster in Wohnbauten. Hierbei waren nicht nur verschiedene Fensterformen wie in kleiner, runder oder eckiger Ausfertigung bekannt, sondern es wurden sogar große Fensterfronten verbaut; beispielsweise in Thermen. Allerdings gehörten Fenster entweder – wie im letzteren Fall – zu Großbauten oder zu Häusern wohlhabenderer Mitglieder der Gesellschaft. Daher finden sich Beispiele von antiken Fenstern vor allem bei aristokratischen Landhäusern (villae rusticae) oder großen Stadthäusern, wie in der Casa dei due Atri in Herculaneum (Abbildung 2). Neben dieser langsam in Mode kommenden Verwendung von Fenstern in Wohnbauten, nutzten die Römer auch zuerst Glas für Fensterscheiben.
Der Beginn der Fensterglas Geschichte
Wie handwerklich professionell die ‚römische Glaskunst‘ gewesen war, zeigt ein mit Gladiatorenkämpfen bemaltes Glas aus dem Anfang des 4. Jahrhunderts, das wohl im heutigen Köln (zur römischen Zeit: Colonia Claudia Ara Agrippinensium) gefertigt wurde. Vermutlich kam es als Handelsware in das römische Kastell Vindolanda (England), indem es noch heute ausgestellt ist (Abbildung 3).
Glas war aber durch die technisch aufwendige Herstellung ein teures Gut. Besonders bedeutend wurden hier die ägyptischen Manufakturen; wollte man solches Glas haben, stieg der Preis entsprechend. Neben Glas experimentierten die Römer auch mit verschiedenen durchsichtigen Gesteinsarten wie Selenit, das wohl aufgrund seiner blass-blauen Reflexion nach der griechischen Mondgöttin Selene benannt wurde. Aufgrund der teuren Produktion und Import von Glas war es damit kaum für den alltäglichen Gebrauch tauglich. So galt Glas als Zeichen von Ansehen und Reichtum. Es soll in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. der reiche Senator M. Aemilius Scaurus in seinem von ihm errichteten Theater eine Bühne aus Marmor und Glas einbauen haben lassen. Der Gelehrte Plinius der Ältere schreibt 100 Jahre später über diesen Bau und bemerkt, dass Glas „eine auch später noch unerhörte Art des Luxus“ (vitro, inaudito etiam postea genere luxuriae) sei (Plin. n.h. 36, 24, 114).
Im Mittelalter wurden Glasfenster vor allem in den monumentalen Gotteshäusern verbaut, die mit Buntglas berühmte sakrale Szenen darstellen. Die Fenster wurden allerdings nun auch an der Fassade mit stärkerer Ornamentik versehen, sodass sie später sogar zum Aushängeschild ganzer kunstgeschichtlicher Epochen wurde, wie beispielsweise das gotische Fenster für die Gotik. Auch in den Burgen sind Fenster bekannt. Beispielsweise in den sogenannten „Fensternischen“ wie im Château Crozant in Frankreich aus dem 13. Jahrhundert (Abbildung 4). Burgfenster Fenster wurden jedoch, wenn überhaupt, mit Tierhäuten oder Holzläden verschlossen.
Im Zuge des Spätmittelalters (ca. 14.-16. Jahrhundert) kam es im Rahmen des Bedeutungsaufschwungs der Städte und der Etablierung der neuen Gesellschaftsschicht des Bürgertums zur Verlagerung der Fenster in das städtische Leben. So finden sich Fenster nun in Zunftshäusern, die damit die Stärke und das Selbstbewusstsein dieser von Bürgern getragenen städtischen und beruflichen Organisationsform darstellen sollten. Allerdings waren auch jetzt noch Glasfenster mehr Zeichen von Prestige als Objekte der Alltagswelt.
Mit dem Beginn der Moderne und dem Zeitalter der Industrialisierung (19. Jahrhundert) entwickelten sich sukzessive industrielle Verfahren, Fensterglas kostengünstig und schnell herzustellen. Beispielsweise konnten mit dem Ziehverfahren Glas in hohen Magen hergestellt werden. Es entstanden zudem neue Techniken wie Doppelverglasungen. Das Glasfenster trat in der Folge seinen Siegeszug an und fand seinen Weg in die Alltagswelt. Fenster ohne Glas gehörten nun der Vergangenheit an.
Das Fenster und Fensterglas sind also in der heutigen Zeit Teil unserer alltäglichen Lebenswelt und längst kein unerhörter Luxus mehr.
Weitere Antworten über die Geschichte des Fensters
Wer hat das Fenster erfunden?
Einzelne Erfinder des Fensters sind nicht bekannt. Erste Fenster entstanden bereits in der Antike, insbesondere im Römischen Reich, wo Öffnungen mit Glas oder durchscheinenden Materialien verschlossen wurden.
Wie lange gibt es schon Fenster?
Fenster gibt es seit über 2.000 Jahren. Bereits im 1. Jahrhundert nach Christus wurden in römischen Gebäuden einfache Glasfenster eingesetzt.
Christopher Decker, M.A.
(Akademischer Mitarbeiter am Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik der Universität Heidelberg)


